Ein Heiligtum in der Zeit

In seinem Buch „The Shabbath. Its meaning for Modern Man“ schreibt der jüdische Rabbiner Abraham Joshua Heschel im Kapitel „Ein Palast in der Zeit“:

„Wer sich in das Heiligtum des Tages begeben will, muss zuerst den Lärm profaner Geschäfte, das Joch der Plackerei hinter sich lassen. Er muss sich von den kreischenden Dissonanzen der Tage freimachen, von der Nervosität und wilden Gier und von der Täuschung, mit der er Verrat am eigenen Leben übt. Er muss der Hände Arbeit Lebewohl sagen und verstehen lernen, dass die Welt bereits geschaffen ist und ohne die Hilfe des Menschen weiterleben wird. Sechs Tage der Woche kämpfen wir mit der Welt, ringen wir dem Boden seinen Ertrag ab; am Sabbat gilt unsere Sorge vor allem der Saat der Ewigkeit, die in unsere Seele gesenkt ist. Unsere Hände gehören der Welt, aber unsere Seele gehört einem anderen. Sechs Wochentage lang suchen wir, die Welt zu beherrschen; am Sabbat versuchen wir, das Selbst zu beherrschen. …

In der Bibel … ist Arbeit ein Mittel zum Zweck, und der Sabbat als Ruhetag, als Tag, an dem man keine Arbeit tut, dient nicht dem Zweck, verlorene Kraft wiederzugewinnen und sich für kommende Arbeit zu rüsten. Der Sabbat ist ein Tag für das Leben. Der Mensch ist kein Lasttier, und der Sabbat dient nicht dem Zweck, seine Arbeit erfolgreicher zu machen. Als „letzter der Schöpfung, aber erster dem Plan nach“ (Rabbi Solomo Alkabez, Lechah Dodi.) ist der Sabbat „das Ziel der Erschaffung von Himmel und Erde.“ (Abendgottesdienst für den Sabbat.)

Der Sabbat ist nicht um der Wochentag willen da; die Wochentage sind um des Sabbats willen da. (Zohar I, S.75) Er ist kein Intermezzo, sondern Höhepunkt des Lebens.“

aus: Abraham Joshua Heschel, „Der Schabbat – Seine Bedeutung für den heutigen Menschen“, S.11-12, Jüdische Verlagsanstalt Berlin, 2001

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