Sabbat in der Geschichte der Kirche

Zeugnisse der Sabbatfeier in der Geschichte der christlichen Kirche

Von Dr. theol. Richard Müller (Sabbatfeier)

Auf dem Scheiterhaufen in Moskau verbrannt (Sabbatfeier)

Wir befinden uns auf dem Roten Platz[1] in Moskau. Es ist der 27. Dezember 1504. An diesem Tag soll der Priester und Theologe der Orthodoxen Kirche, Ivan Karitsyn, öffentlich auf den dazu hergerichteten Scheiterhaufen verbrannt werden. Warum? Weil er den Sabbat gefeiert hat. Wenn er selber zu dieser Stunde noch ein Zeugnis hätte ablegen können, hätte es vielleicht so ausgesehen: „Ich bin Ivan Karitsyn, ein Christ. Ich bete um Kraft, einen ehrwürdigen Tod zu sterben. Ich sterbe für meinen Glauben. Ich werde sterben, weil ich das geglaubt und gelehrt habe, was die Heilige Schrift, sowohl im Alten Testament wie im Neuen Testament, enthält. Ich werde heute sterben, weil ich den siebenten Tag der Woche, den heiligen Sabbat Gottes, gefeiert habe. Wie kam es so weit? Ich hatte eine solche Hoffnung und eine solche Vision, dass die ganze russische Kirche nach dem Evangelium erweckt und erneuert werden würde. Aber jetzt kommt alles zum Ende.“[2]

Ein Sabbatfeiernder auf dem Zaren Thron – fast

Ivan und andre Priester waren der Kern einer Sabbatbewegung, die auch die „Subbotniki“ oder die „Nowgorod-Moskau Bewegung“ genannt wird und gegen Ende des 15. Jahrhundert ins Leben gerufen wurde.

Ivan III. oder der Große, der den Titel Zar annahm, war anfangs der Subbotniki Bewegung wohl gesinnt. Er rief sogar zwei Sabbatfeiernde Priester von Nowgorod, wo die Bewegung ihren Anfang hatte, nach Moskau, um an zwei berühmten Kathedralen die leitenden Priester zu sein. Auch seine Schwiegertochter, Elena, hielt den Sabbat. Gleichfalls sein Enkel, Dimitri, der Sohn von Elena und Ivans verstorbenen Sohn, hielt den Sabbat heilig. Ivan der Große hatte seinen Enkel Dimitri sogar als seinen Nachfolger bestimmt. Wenn das eingetroffen wäre, dann hätte es auf dem Thron des stark gewordenen Russlands, einen Zaren gegeben, der den Sabbat gefeiert hätte.

Aber dann kam der Umschwung. Ivan III heiratete nach dem Tod seiner ersten Frau ein zweites Mal. Sophia, eine griechische Prinzessin, die in Italien streng katholisch erzogen wurde, wurde die Auserwählte. Rom hoffte, dass durch diese Hochzeit, Moskau näher an Rom gezogen werden könnte. Sophia hasste die Sabbatfeiernden Priester, Elena und deren Sohn, Dimitri. Der Erzbischof von Nowgorod, Gennadij, unterstützte sie. Er war ein fanatischer Gegner dieser Bewegung. Diese „Judensekte“, wie man sie nannte, die sogar den dreieinigen Gott ablehnte, wie deren Gegner fälschlicherweise meinten, muss ausgerottet werden.[3] In Verbindung mit dem Konzil von Moskau im Jahre 1490, wurde  die Sabbatbewegung als Ketzerei verurteilt. Die Folge davon haben wir Anfangs beschrieben. Nicht der Sabbatfeiernde Enkel, wie ursprünglich vom Zaren versprochen, bestieg nach seinem Tod den Thron, sondern sein Sohn mit Sophia, als Basil III.

Die Geschichte des Sabbats fängt mit Adam und Eva an

Eigentlich müssen wir mit unserer Geschichte des Sabbats ganz wo anders anfangen. Genau wie in der Überschrift angedeutet, bei Adam und Eva. Nach der Heiligen Schrift geht der Sabbat bis auf den Schöpfungsbericht zurück. Gott selbst, so sagt uns der biblische Text, ruhte nach der sechstägigen Schöpfung, am siebenten Tag. Wenn es auf Deutsch ein Verb (Tätigkeitswort) geben würde, was vom Substantiv (Hauptwort) Sabbat abgeleitet wäre, dann würde es heißen: „und er sabbate am siebenten Tag“. Von dieser sprachlichen Wurzel hat auch der siebente Tag seinen Namen, nämlich „Sabbat“, bekommen, der immer noch im deutschen Wochenname „Samstag“ wiederzuerkennen ist. Jedes Mal, wenn wir anstelle Sonnabend, „Samstag“, sagen, sagen wir eigentlich „Sabbat“, der im Deutschen über „sambastag“ eine sprachliche Entwicklung durchgemacht hat.

Wenn Gott am Sabbat „ruhte“, dann war es natürlich nicht, weil Gott müde wurde und seine Kräfte nachließen. Gott hat die Welt für die Menschen geschaffen und es den Menschen vorgelebt, wie sie die Zeit einteilen sollen und vor allem, dass sie nie vergessen sollen, dass Gott unser Schöpfer ist und wir seine Geschöpfe. Gott wollte nicht, dass sie gottlos, d.h. Atheisten, werden sollten. Es ist äußerst wichtig zu bemerken, dass der Mensch, unmittelbar nach der Schöpfung aus Gottes Hand, nicht gleich arbeiten sollte, sondern zunächst Gott als den Schöpfer feiern sollte, ihn anbeten sollte, über das Geschenk der Schöpfung jubeln und sich freuen sollte. Damit wurden von Anfang an die Prioritäten gesetzt. Unser Wert und unsere Würde als Mensch liegt nicht, wie es in unserer von der Ökonomie geprägten Arbeitswelt der Fall ist, in unserem Schaffen und Arbeiten, sondern im Bewusstsein, dass wir aus der Hand Gottes kommen, seine Geschöpfe sind. Der Sabbat sollte uns immer daran erinnern, wo wir herkommen und wer unser Gott ist.

Von dieser Urgeschichte könnten wir dann die Geschichte des Sabbats durch die Bibel bis in unsere Tage verfolgen. Nicht unbedingt lückenlos. Oft hatte Gottes Volk den Sabbat vergessen oder man wurde gezwungen, als Sklaven am Sabbat zu arbeiten. Aber Gott hat immer wieder dafür gesorgt, dass der Schöpfungssabbat nicht für immer in Vergessenheit geraten würde. Sowohl im Alten Testament wie im Neuen Testament, gibt es viele Zeugnisse der Sabbatfeier. Und niemand kann beweisen, dass Jesus oder die Apostel oder die Urgemeinde, dessen Heilige Schrift das Alte Testament war, den Sabbat abgeschafft haben und ihn mit einen anderen Tag ersetzt haben. Diese Beweise gibt es nicht.[4]

Warum der Sabbat verstoßen wurde und der Sonntag eingeführt wurde

Wenn es im Neuen Testament keine Beweise für die Veränderung des Ruhetages gibt, warum wurde dann ein neuer Tag als Gottesdienst Tag und später als Ruhetag eingeführt? Dazu gibt es einige Gründe, die wir hier in diesem Kapitel nicht genügend beantworten können. Das ist Stoff für einen neuen Artikel. In meinem neuen Buch über den Sabbat, „Die vergessene Zeit“,  habe ich die Gründe etwas näher beschrieben.[5] Hier können wir nur die Gründe in Stichpunkte aufführen:

1. Der Einfluss der Sonnenanbetung

Historische Forschung der Neuzeit hat gezeigt, dass die Sonnenanbetung im Römischen Reich zurzeit Christi weit verbreitet war. Die Sonne wurde als Gottheit nicht nur allgemein, sondern auch spezifisch am Tag der Sonne verehrt.[6]

2. Die allegorische Auslegung des Alten Testamentes

 Der Schöpfungsbericht und viele andere Passagen des Alten Testamentes verstand man nicht buchstäblich, sondern symbolisch, bildlich, als Metapher. Z. B. hatte man schon im zweiten Jahrhundert die Idee, dass ein Schöpfungstag identisch mit 1000 Jahren ist.

3. Anti-Jüdische Tendenzen

Hierzu gibt es ganze Bücher, um die anti-jüdischen Tendenzen zu beschreiben.[7] Wir finden diesen Antisemitismus sowohl bei Autoren der heidnischen Römer und deren Gesetzgeber,  als auch bei frühen christlichen Verfassern, ab Mitte des zweiten Jahrhunderts.

4. Die jährliche Osterfeier wird auf den ersten Tag der Woche, dem Sonntag verlegt

Nach der Bibel fällt Ostern nicht an einem bestimmten Tag im Jahr, sondern findet an einem bestimmten Datum im Jahr statt, dem 14. Nisan, d.h. den 14. Tag des ersten Monats im jüdisch religiösen Kalender. Dies wurde, jedoch nicht ohne Streit (Osterstreit oder Quartodezimaner Streit) zwischen Ost und West, in der späteren Hälfte des 2. Jahrhunderts verändert und auf einen bestimmten Tag im Jahr, einem Sonntag gelegt.

5. Die jährliche Osterfeier, wurde bald als eine wöchentliche Begebenheit gefeiert

Man feierte also „Ostern“ jeden Sonntag. Der Sonntag war aber noch kein Ruhetag. Die Christen waren immer noch eine verfolgte Minderheit, die oft im Geheimen, früh am Morgen oder am Abend das Abendmahl gefeiert haben.

6. Das Sabbatfasten wurde eingeführt

Um sich auf „Ostern“ vorzubereiten, fastete man Freitag, Jesu Todestag. Jetzt sollte man auch noch wöchentlich am Sabbat fasten in Erinnerung an Jesu Grabesruhe und um sich umso mehr auf den Auferstehungstag, Sonntag, freuen zu können, wo es reichlich zu essen gab. Das Fasten wurde als eine Pflicht verstanden, die man mit Unmut durchführte. Somit verstand man das Sabbatfasten und damit auch den Sabbat, als etwas Negatives. Dieses Sabbatfasten wurde zunächst nur in Rom und Alexandrien eingeführt und niemals in den sogenannten Ostkirchen. Dazu mehr später.

7. Der Einfluss des sogenannten Reformators Marcion (ca. 85 – ca. 160)

Marcion wurde zwar von den sogenannten Kirchenvätern verworfen und auch von der römischen Gemeinde ausgeschlossen, hatte aber weiterhin einen gewissen Einfluss auf das Denken in den Gemeinden, die sich um ihn scharten. Er lehnte scharf den Gott des Alten Testamentes ab. Er schuf seinen eigenen Kanon des „Neuen Testamentes“, der aus dem Lukas Evangelium und zehn Briefen des Paulus bestand, alle „gereinigt“ von Gedanken des Alten Testamentes.

8. Die zivile Sonntagsgesetzgebung des Kaiser Konstantins

Dieses Gesetz war kein kirchliches Gesetz. Konstantin war zu dieser Zeit noch kein Christ. Er wurde erst kurz vor seinem Tod im Jahre 337 getauft. Im Jahre 321 erließ Konstantin sein bekanntes Sonntagsgesetz, um den Tag der Sonne (sol invictus, die unbesiegbare Sonne), als Ruhetag zu beschützen. Mit diesem Schachzug konnte er sowohl den Heiden, als auch den Christen, die weitläufig am Sonntag sowieso das wöchentliche „Osterfest“ am Sonntag feierten einen großen Gefallen tun und konnte sie vereinen und beiden Gruppen einen gemeinsamen Ruhetag geben. Damit wurde der Sabbat stark benachteiligt und in die Ecke gedrängt. Denn wer von der einfachen Bevölkerung war reich genug, zwei Tage nicht zu arbeiten?  Am Sonntag durfte nämlich seit Konstantin und seinen Nachfolgern per Dekret nicht gearbeitet werden. Man musste also am Sonntag ruhen. Hier wurden die Weichen für spätere kirchliche und zivile Sonntagsgesetzgebungen gestellt.

Der Sabbat überlebte

Es wird nicht leicht sein, im Rest dieses Artikels die vielen Zeugnisse der Sabbatfeier in wenigen Abschnitten zu beschreiben. Die Anzahl ist sehr umfangreich. Vor mir liegt ein Buch von Willy Rordorf, einem Theologen aus der Schweiz, „Sabbat und Sonntag in der Alten Kirche.“ Dies ist ein Quellenbuch von über 230 Seiten, das Zitate in Bezug auf den Sabbat und Sonntag von den christlichen Verfassern der ersten 500 Jahre im Original (griechisch und lateinisch)  mit deutscher Übersetzung enthält.[8] Daneben liegt eine Kopie eines Maschinen geschriebenen Dokumentes meines früheren Professors für Kirchengeschichte, Dr. Mervyn Maxwell, Sohn des bekannten Arthur Maxwell, von 1000 Seiten. Maxwell hat auch Zitate bezüglich des Sabbats und Sonntags gesammelt. Seine Sammlung enthält die gesamte Länge der Geschichte der Kirche. Vor mir liegt auch ein Buch über die Geschichte des Sabbats, geschrieben von Fachleuten (Professoren) der adventistischen Andrews University von fast 400 Seiten.[9] Daneben liegt das klassische Werk zu diesem Thema von über 700 Seiten: L.R. Conradi, Die Geschichte des Sabbats und des ersten Tages.[10]

Ich liste dieses Material hier auf, um zu zeigen, wie schwer es ist, eine Auswahl der vielen Beweise für die Sabbatfeier durch zwei Jahrtausende aufzuzeigen. Aber wir wollen mit einem anderen Beweis der weiten Kenntnis des Sabbats beginnen.

Die Sprachen der Welt trügen nicht

In Verbindung mit meinen Forschungen für meine Dr. Arbeit für die Universität in Lund (Schweden)[11], in der Bibliothek des Britischen Museums in London, stieß ich auf eine sehr interessante Forschungsarbeit eines Siebenten Tags Baptisten, William M. Jones. Er untersuchte 160 alte und neue Sprachen, zusammengestellt von der ganzen Welt.[12] Er wollte herausfinden, wie die „Woche“, eine Zeiteinheit von sieben Tagen, in den verschieden Sprachen benannt wurde. Wie jeder Wochentag in den verschiedenen Sprachen heißt und wie besonders der letzte Tag der Woche, der siebente Tag, benannt wurde.  

Es ist faszinierend zu beobachten, dass die Wocheneinheit fast universell auf der ganzen Welt verbreitet ist. Von wo stammt die 7-Tage Zeiteinheit der Woche? Es gibt da verschiedene Theorien. Aber keine ist für mich zufriedenstellend. Nur der biblische Bericht auf den ersten Seiten der Heiligen Schrift. Tag und Monat und Jahr hat etwas mit dem Kreislauf der Erde und der Sonne zu tun. Aber nicht die Woche. Als Zeiteinheit ist sie fast auf der ganzen Welt vertreten. In vielen Sprachen zählt man nur die Tage von 1 – 7. Andre haben die lateinischen Namen für die Wochentage übernommen: Vom Tag der Sonne, dem ersten Tag, bis zum Tag des Saturns, dem siebenten Tag. Jetzt kommt das Spannendste: Die Hälfte der Sprachen, die Dr. William M. Jones in seiner Liste aufführt, also 80 Sprachen in seiner Liste von 160, haben das Wort „Sabbat“ enthalten oder ein Wort, das auf dessen Ursprung zurückgeht. Das ist ein weltweites Zeugnis und Beweis, dass Gott über diesen Tag gewacht hat. Selbst in Ländern, wo man diesen Tag bekämpft und als Ruhetag gehasst hat, hat man doch nicht vermocht, ihn aus der Sprache zu verdrängen. Hier denke ich nicht nur an die Machtkirche mit großem politischem Einfluss des Mittelalters, sondern auch an die Diktatur des Adolf Hitlers, in der man die Juden grausam verfolgt hat und den Sabbat als „jüdisch“ verhöhnt hat. Das gleiche könnte von der jüngsten kommunistisch-atheistischen Vorzeit gesagt werden, in der z.B. die frühere Sowjetunion mal versuchte, die Wocheneinheit und somit die Wochentage zu verändern.

Selbst in den Sprachen, z.B. Arabisch und Farsi (die Sprache, die man in Iran spricht), in der die Tage gezählt werden, unterbricht man die Zahlen am Freitag und nennt ihn „Versammlungstag“, weil man an diesem Tag sich in der Moschee versammelt. Und jetzt kommt das Interessante: Am 7. Tag kehrt man nicht zur Zahl 7 zurück, sondern nennt ihn „Sabbat“. Selbst in dem Land, Iran, wo die religiöse und politische Elite Israel zum Tode verdammt.[13]

Auch einige der Sprachen, die die Wochentage nach den Planeten benennen, z. B. die Südeuropäischen oder romanischen Sprachen, wird die Planetenwoche unterbrochen, wenn man zum letzten Tag der Woche kommt und nennen ihn nicht „Tag des Saturns“, sondern „Sabbat“.[14] Das können wir selbst in der deutschen Sprache erkennen. Dort finden wir die Namen der Sonne und des Mondes wieder und Namen germanisch/ nordischer Götter – mit Ausnahme des Mittwochs -, aber mit dem Namen „Samstag“ für den 7. Tag, kehrt man zum biblischen „Sabbat“ zurück.  Ein wunderbares Zeugnis für den Sabbat.

Frühe indirekte Beispiele der Sabbatfeier gegen Ende des ersten Jahrhunderts und dem zweiten Jahrhundert

Einige von den alten Kirchen behaupten, dass sie von den Aposteln oder dessen unmittelbaren Wegbegleitern gegründet wurden. Hier einige Beispiele: Die Römisch-Katholische Kirche bezieht sich auf Petrus und Paulus, die Koptische Kirche in Ägypten hebt den Evangelisten Markus als deren Begründer hervor, die Thomaschristen in Indien meinen, dass der Apostel Thomas das Evangelium nach Indien gebracht hat und die Armenische Kirche glaubt, dass sie die gute Nachricht von den Aposteln Bartholomäus und Thaddeus erhalten haben. Da Jesus und seine Jünger und die ersten Christen alle Juden waren oder von den „Gottesfürchtigen“ (Nicht-Juden, die z.B. den Sabbat feierten) kamen, so haben sie alle am Anfang den Sabbat gefeiert. Sie kannten nichts Anderes. Der Sabbat wurde ja selbst in den 10 Geboten, die sie alle ehrten, hervorgehoben. Ihre Heilige Schrift war das Alte Testament. Einige dieser alten Kirchen, bewahrten über Jahrhunderte großen Respekt vor dem Schöpfungssabbat, andere lehnten ihn später als „jüdisch“ ab und verbaten ihre Mitglieder, an diesem Tag zu ruhen, wie wir gleich sehen werden. Hier müsste man die Kirchen auf ihre eignen Wurzeln, die sie sehr schätzen, aufmerksam machen, dass eines dieser Wurzeln die Feier des Schöpfungssabbats war.

Ein zweites indirektes Zeugnis der Weitergabe der Sabbatfeier

Papias (ca. 70 – 163 n.Chr.), von dem wir zwar nichts über den Sabbat überliefert haben, ist ein indirektes Zeugnis für die Weitergabe des Sabbats. Er gehört zu den Personen, die man im Allgemeinen, die „Apostolischen Väter“ nennt, also christliche Verfasser, die direkte Verbindung mit den Aposteln oder deren direkten Nachfolger hatten. Papias war Bischof in Hierapolis (Phrygien), das heute Pamukkala heißt und in der Türkei liegt. Bei der Bezeichnung „Bischof“ brauchen wir nicht gleich ein rotes Tuch sehen. Erstens ist es ein Begriff, den wir im Neuen Testament des Öfteren vorfinden, und zweitens sprechen wir hier von einem „Gemeindeältesten“, vielleicht einer kleinen lokalen Hausgemeinde. Dies waren Zeiten der Verfolgung. Das Christentum wurde erst 311 bzw. 313 offiziell als „erlaubte“ Religion anerkannt. Von Papias wird bezeugt, dass er ein „Hörer“ des Apostel Johannes war und ihn damit persönlich kannte und damit auch den Sabbat kannte, den Johannes feierte. Papias hat fünf Bücher über die „Erklärungen der Worte Jesu“ geschrieben. Leider haben diese Bücher nicht überlebt. Nur Bruchstücke von anderen Verfassern der damaligen Zeit sind bekannt. Papias hatte ein Interesse, mit Leuten in Verbindung zu kommen, die die Jünger Jesu persönlich kannten. Er wollte nämlich die vielen Worte Jesu, die er gehört und gesammelt hat, durch Nachprüfung bestätigt bekommen.

Papias hatte einen Kollegen mit Namen Polykarp (ca. 69 – 155 oder besser 166), der Bischof in Smyrna (heute Izmir/Türkei) war. Polykarp war ein Jünger des Apostel Johannes, der ihn sogar als Leiter der Gemeinde (Bischof) eingesetzt haben soll. Übrigens wird in dem Traktat „Das Martyrium des Polykarp“ (siehe „Apostolische Väter“) sowohl der Freitag als Vorbereitungstag wie auch der große Sabbat erwähnt.

Einige der Bruchstücke des Papias sind in den Schriften eines anderen christlichen Verfassers, Irenäus (ca. 142 – ca. 200) enthalten. Irenäus war Gemeindeleiter oder Bischof in Lyon und Vienne (Südfrankreich). Er wird auch einer der frühen christlichen Apologeten genannt, das ist eine Person, die den christlichen Glauben gegenüber Irrlehren verteidigt hat. Irenäus war in seinen jungen Jahren ein Schüler von Polykarp. Er stammte nämlich ursprünglich aus Kleinasien (Türkei). Irenäus hatte eine sehr positive Sicht in Bezug auf den biblischen Sabbat. Er schreibt z.B. in seinen fünf Büchern „Gegen die Häresien“ (Irrlehren) folgendes über den Sabbat. Der Zusammenhang sind Jesu Heilungen am Sabbat: „[Christus] hat nichts gegen das Gesetz getan, als er am Sabbat heilte. Das Gesetz hat nicht verboten, Menschen am Sabbat zu heilen.“ Etwas später fügt er hinzu: „Denn er [Christus] hat nicht das Gesetz aufgehoben, sondern es erfüllt …“[15]

Diese Informationen über Papias, Polykarp und Irenäus sollen die enge Verbindung der Apostel mit der nächsten Generation von Christen veranschaulichen. Zweifellos haben die Apostel auch ihr Verständnis der Zehn Gebote und deren Bedeutung für das tägliche Leben weitergegeben. Darin muss als ganz natürliche Folge auch die Sabbatfeier mit einbegriffen gewesen sein.

Ein frühes Gemeindehandbuch bezeugt die Bedeutung der Sabbatfeier

Die Apostolischen Konstitutionen sind eine Art Kirchenordnungen oder Gemeindehandbücher, die gegen Ende des vierten Jahrhunderts (375 – 380 n.Chr.) entstanden sind. Diese Gemeindeordnung besteht aus acht Teilen oder Büchern und stützt sich auf frühere Gemeindeordnungen, wie z.B. die Didaché (ca. 100 n.Chr.), die Didaskalia  (ca. 230 – ca. 250 n.Chr.) und eine frühere apostolische Kirchenordnung aus dem 3. Jahrhundert. Bemerkt bitte, dass diese Kirchenordnung aus der nachkonstantinischen Zeit kommt, in der das zivile Sonntagsgesetz  (321 n.Chr.) schon 50 Jahre lang existierte. Diese Gemeindeordnungen beschäftigen sich mit vielen Themen; Einsetzung von Bischöfen (Gemeindeälteste) – Fasten – Gebet – dem Alltagsleben der Christen usw. Des Öfteren wird auf die Bedeutung der Zehn Gebote hingewiesen. Wir finden sogar die Anweisung, diese Gebote im Gottesdienst zu rezitieren (aufsagen).

Wir finden hier auch einige Aussagen über den Sabbat. Der Gemeindeleiter (Bischof) wird angehalten, seine Gemeindeglieder täglich zum Morgen-und Abendgebet zu versammeln und dann wird hinzugefügt:“ … aber hauptsächlich (soll man zusammenkommen) am Sabbat.“ Und dann setzt der Text fort: „Und am Tag der Auferstehung des Herrn, welches der Tag des Herrn ist, kommt fleißig zusammen, um Lobpreis zu Gott zu senden, der durch Jesus das Universum schuf, ihn zu uns sandte, ihn leiden und von den Toten auferstehen ließ.“[16] Wir finden auch die Aussage: „… Gedenke allezeit der Zehn Gebote … Du sollst den Sabbattag halten ….“[17] Im siebenten Buch dieser Gemeindeordnung finden wir eine weitere interessante Aussage: „Der Sabbat, natürlich, und der Tag des Herrn, begeht mit Festfreude, denn der eine [Tag] ist ein Gedenken an die Schöpfung und der andere ein Gedenken an die Auferstehung.“[18] Dann wird in dieser Kirchenverfassung betont, dass am Sabbat nicht gefastet werden soll, wie es die westlichen Kirchen [Rom] vorschreiben. Der Sabbat wird nämlich als Festtag hervorgehoben. Nur an einem Sabbat sollte gefastet werden, nämlich Ostersabbat, an dem Jesus für uns im Grab lag. Dann folgt noch im achten Buch eine überraschende Aussage in Bezug auf den Sabbat: „Ich, Paulus, und ich, Petrus, verordnen: Die Sklaven sollen fünf Tage arbeiten. Am Sabbat und am Tag des Herrn, sollen sie Zeit für die Glaubensunterweisung haben, der Sabbat hat nämlich seine Begründung in der Schöpfung, der Tag des Herrn in der Auferstehung.“[19] Diese Kirchenordnung, die den Sabbat als eine Schöpfungsordnung ansah, war in den östlichen Kirchen sehr verbreitet aber nicht so sehr im westlichen Teil des römischen Reiches, der unter dem Einfluss des Bischofs von Rom, später Patriarchen von Rom, stand.

Strenge Kirchensynode gegen die Sabbatruhe

Eine lokale Synode in Laodizea (Kleinasien/Türkei), die etwa um 360 n.Chr. abgehalten wurde, beschloss im Kanon 29 Folgendes: „Christen sollen nicht wie Juden leben und (nicht wie sie) am Sabbat nichts tun, sondern (Christen sollen) an diesem Tag arbeiten. Den Sonntag sollen sie vorziehen, wenn es möglich ist, und sich nichts vornehmen. Sollten sie andererseits sich wie Juden verhalten [und Sabbat feiern und nicht arbeiten], sind sie von Christus ausgestoßen.“[20]

Hier hören wir ganz andere Töne. Gleichzeitig ist es ein Beweis, dass viele Christen noch zu dieser Zeit den Sabbat treu gehalten haben und nicht an diesem Tag gearbeitet haben, denn sonst würde diese Synode oder dieses Konzil sich nicht so deutlich gegen die Sabbatfeier ausdrücken. Hier findet sich der erste Beschluss, der sich direkt gegen Gottes Anordnung richtet. Es muss als antigöttlichen Beschluss eingestuft werden, wenn Menschen entgegen dem klaren Willen Gottes gezwungen werden, an diesem von Gott selbst zur Ruhe eingesetzten Tag zu arbeiten.

Zwei frühe Kirchenhistoriker bezeugen den Sabbat

Wir sprechen hier von zwei gelehrte Personen des vierten und fünften Jahrhunderts. Der eine hieß Sokrates Scholasticus (ca. 380 – ca. 440). Er war Jurist und arbeitete in Konstantinopel (dem heutigen Istanbul). Konstantinopel wurde auch das „neue Rom“ genannt, weil seit 330 der Sitz des römischen Kaisers von Rom nach Konstantinopel verlegt wurde.

Der andere Geschichtsschreiber hieß Sozomen (ca. 400 – ca. 450). Er stammte aus einer wohlhabenden Familie, studierte Jura in Beirut und wurde Rechtsanwalt. Er reiste nach Konstantinopel und arbeitete wahrscheinlich am kaiserlichen Hof.

Beide schreiben in ihren umfassenden Geschichtswerken auch etwas über den Sabbat, nämlich, dass man an jeden wöchentlichen Sabbat, wie auch am Sonntag, zusammenkommt, um das Abendmahl zu feiern. Für mich sind dies zwei bedeutungsvolle Personen, von vielen anderen, die deutlich beweisen, dass der Sabbat in den ersten Jahrhunderten als ein von Gott gesegneten  und geheiligten Tag angesehen wurde, trotz Widerstand von Rom und Alexandrien, wo man das Abendmahl nicht am Sabbat feierte.[21]

Ost und West trennen sich (1054), einer der Streitpunkte war der Sabbat

Wir springen in das Hohe Mittelalter. Hier erleben wir, dass ein scharfer Riss durch die Christenheit geht. Dieser Riss ist bis heute noch nicht geheilt. Der Streit zwischen Ost und West, zwischen Konstantinopel und Rom, reicht weit in die Geschichte zurück – bis zur Zeit der Mitte des neunten Jahrhunderts und noch weiter.

Kirchlich gesehen stand Bulgarien unter der Aufsicht von Konstantinopel. Boris I (852 – 889), der erste Regent des bulgarischen Reiches, wandte sich jedoch im Jahre 865 an den Papst von Rom, Nikolaus I (858 – 867), und stellte ihm in einen Brief in Bezug auf den christlichen Glauben 106 Fragen. Unter vielen anderen Fragen wurden auch Fragen des Sabbats und Sonntags berührt.

Daraus geht deutlich hervor: Zu dieser Zeit gab es in Bulgarien Christen, die lehrten, dass der Sabbat ein Ruhetag war, an dem keine Arbeit verrichtet werden sollte. Der Streit zwischen Ost und West nahm zu. Die griechischen Priester mussten das Land verlassen. Konstantinopel und Rom hielten ihre jeweiligen Synoden ab, auf denen sie einander verurteilten. In seinem Rundschreiben, in dem der Patriarch von Konstantinopel den Papst verurteilte, wird auch der Sabbat erwähnt: „Allen Bestimmungen entgegen, die in Bulgarien eingeführt wurden, bestimmte der Papst, dass am Sabbat gefastet werden soll.“[22]

Dieser Streit erreicht im 11. Jahrhundert seinen Höhepunkt. Ein kleiner Teil dieses Streites hing auch mit dem Sabbat zusammen, nämlich, ob am Sabbat gefastet werden sollte oder nicht. Das Konzil von Konstantinopel hatte aber schon lange zuvor, im Jahre 691, in einem Beschluss verboten, am Sabbat zu fasten, weil er als Festtag verstanden wurde. Nach dem großen Schisma (Spaltung) im Jahr 1054 schrieb der Patriarch von Konstantinopel einen Brief an seinen Kollegen, dem Patriarchen von Antiochien (ehemals Syrien, heute Türkei), indem er auch die Sabbatfrage berührte. Hier sein Bekenntnis zum Sabbat; „Es wurde uns befohlen, dass wir den Sabbat in gleicher Weise ehren sollen wie (den Sonntag), den (Tag) des Herrn, dass wir ihn halten und nicht an ihm arbeiten sollen.“[23] Auch dies ist ein deutliches Zeugnis aus dem hohen Mittelalter, dass das Licht des Sabbats immer noch in den Herzen vieler Menschen brannte.

Einige Waldenser feierten den Sabbat

In einem bekannten Buch von Ellen G. White, Der große Kampf, steht im Kapitel über die Waldenser, dass einige Waldenser den Sabbat gefeiert haben. Die Richtigkeit dieser Aussage wird oftmals bestritten, da die Waldenser heute den Sonntag feiern. Es gibt jedoch einige deutliche Beweise, dass in der Tat, einige Waldenser in der Vorzeit den Sabbat gefeiert haben und diesen Tag ehrten an dem sie z. B. nicht fasteten. Aus Platzmangel kann ich nur auf mein neues Buch über den Sabbat, Die vergessene Zeit, hinweisen und auf mein Kapitel über die Waldenser „Das Erbe der Waldenser – Lux Lucet in Tenebris (Das Licht scheint in der Finsternis), das in der Festschrift zum 75. Geburtstag von Dr. Jan Paulsen, ehemaliger Leiter der weltweiten Freikirche der Siebenten-Tags Adventisten, erschien. [24]

Die lange Geschichte des Sabbats in Äthiopien

Die Kenntnis der Sabbatfeier in Äthiopien reicht weit in die Geschichte zurück, ja sogar bis in die vorchristliche Zeit. Vom Alten Testament kennen wir den Bericht vom Staatsbesuch der Königin von Saba, das Äthiopien zugeordnet wird, beim König Salomon. Bei diesem Besuch hatte die Königin reichlich Gelegenheit, die Sabbatfeier persönlich zu erleben. Auch im Neuen Testament (Apg. 8, 26 -40) finden wir einen sehr interessanten Bericht, der eine Verbindung von Äthiopien und Israel aufweist. Ein hochrangiger Beamte, „Kämmerer und Mächtige der Königin von Äthiopien“, war zu Besuch in Jerusalem, um „anzubeten“. Da er auch Schriftrollen des Alten Testamentes bei sich trug, muss man davon ausgehen, dass er dem Judentum angehörte oder einer der „Gottesfürchtigen“ war, der sich mit dem Glauben, der Sabbatfeier und vielen anderen Gebräuchen der Juden identifizierte. Wie bekannt hat der Evangelist Philippus ihn von Christus erzählt, sodass er sogar bereit war die christliche Taufe zu empfangen. Er muss als erster Christ bezeichnet werden, der nach Äthiopien zurückkehrte.

Wir wissen nicht viel darüber, wie das Christentum ansonsten nach Äthiopien kam. Aber wir finden sehr früh eine Übersetzung des Gemeindehandbuches „Didaskalia“ in die äthiopische Sprache. Das Datum dieses Gemeindehandbuches wird um 250 n.Chr. angesetzt. Wir zitieren hier einige Passagen aus der äthiopischen Übersetzung in Bezug auf den Sabbat. Aus Kapitel 29: „Wir sollen am Sabbat nicht fasten, mit Ausnahme des einen Sabbats in der Passionswoche. …Aber an den anderen Sabbattagen lasst uns dem Herrn die Ehre geben, denn er ruhte von seiner Arbeit am Sabbat.“ Aus Kapitel 30: „… und ehret den Sabbat, indem ihr euch in den Kirchen zur Freude und Fröhlichkeit versammelt.“ Aus Kapitel 38: „O, allmächtiger Gott, der … den Sabbat eingesetzt und an ihn geruht hat nach allen seinen Werken und uns befohlen hat (an ihn) von allen unseren Werken der Hände zu ruhen … und befahl ihnen am Sabbattag zu ruhen, sodass sie in Demut Danksagung darbringen und von allem Bösen beschützt seien…. Deshalb hat er uns befohlen, an jedem Sabbat zu ruhen, denn unser Herr ruhte am Sabbat von allen seinen Werken.“ In gleicher Weise spricht man vom Sonntag, als Tag der Auferstehung Christi. Auch in Äthiopien war die Tradition bekannt, dass die Sklaven und Dienstleute nur fünf Tage arbeiten sollten, um am Sabbat und Sonntag auszuruhen.

Dieses Verständnis hielt sich in Äthiopien über die Jahrhunderte. Es gab Perioden des Abfalls, aber dann auch immer wieder Perioden der Sabbatreform.

Die Jesuiten bestrafen die Sabbatfeier in Äthiopien – Arbeitszwang am Sabbat

Die politische Lage veränderte sich in Äthiopien. Mit dem Machteinfluss der Portugiesen in Äthiopien kam in der Mitte des 16. Jahrhunderts auch die Herrschaft der römischen Kirche ins Land. Papst Julius III (1550 – 1555) setzte ein neues Oberhaupt, einen Patriarchen, über die Kirche des Landes ein. Früher wurde das Oberhaupt immer von dem Patriarchen von Alexandrien (im Norden von Ägypten) eingesetzt. Um dessen Ankunft recht vorzubereiten, sandte der Papst umgehend drei Jesuiten ins Land. Als Nebenbemerkung können wir erwähnen, dass der Jesuitenorden, dessen Mitglieder dem Papst gegenüber absoluten Gehorsam schwören, von Ignatius von Loyola im Jahre 1534 gegründet und im Jahre 1540 vom Papst anerkannt wurde. Bald folgte ein Bischof und weitere Priester desselben Ordens. Es wurde schnell herausgefunden, dass die äthiopische Kirche verschiedene Traditionen vertrat, die als „jüdisch“ eingestuft wurden. Dazu gehörte auch deren Sabbatfeier. Dies war der Anfang eines erbitterten Kampfes zwischen der Kirche von Rom und der traditionellen äthiopischen Kirche. Rom verlangte, dass die Sabbatfeier und andere Glaubenspunkte aufgegeben werden müssen und forderte völlige Unterordnung unter die römische Kirche. Einer ihrer Könige, Za Dengel (1603 – 1604), trat unter Druck und der Überredungskunst der Jesuiten, zum römisch-katholischen Glauben über. Bald darauf kam der Erlass gegen den Sabbat: „Niemand soll den Sabbat als heiligen Tag feiern.“

Dies löste eine kräftige Gegenreaktion hervor. Letztlich gewann jedoch der Anti-Sabbat Flügel. Der Erlass gegen den Sabbat wurde daraufhin nochmals wiederholt und jetzt obendrein hinzugefügt: Am Sabbat muss gearbeitet werden. Übertreter drohte Strafen. Dieses Gesetz wurde 1620 erlassen. Es ist nicht anders zu beurteilen als ein „anti-christliches“ Gesetz, das nicht nur die Sabbatfeier verboten hat, sondern die Menschen sogar dazu zwang, an Gottes heiligen Tag zu arbeiten – dem Tag, den die Äthiopier über 1000 Jahre großen Respekt erwiesen haben. Eine solche heilige Anordnung konnte nicht ohne Kampf aufgegeben werden. Ein bewaffneter Aufstand gegen die „Blasphemie des Sabbats“ entstand. Leider wurde er niedergekämpft. Im Jahre 1623 kamen mehrere Priester des Jesuitenordens nach Äthiopien, um den König, seine Söhne und leitende Beamte und Priester der Kirche zu überreden, dem Papst in Rom Gehorsam zu schwören. Dies geschah im folgenden Jahr, 1624. Um Abscheu gegen den Sabbat zu zeigen, wurde dieser Tag als Fastentag ausgerufen.

Aber das äthiopische Volk ist ein stolzes Volk und lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Für eine kurze Zeit wendete sich das Blatt der Geschichte unter Kaiser Fasilides (1632 – 1667). Die Jesuiten wurden 1633 aus dem Land verbannt, katholische Bücher verbrannt und Priester katholischer Observanz wurden erhängt. Dies ist eine kurze Zusammenfassung einer dramatischen Geschichte, wie der Sabbat in Äthiopien überlebte. Gleichzeitig bezeugt diese Geschichte die antichristliche Machtentfaltung der Kirche von Rom, die die Sabbatfeier mit aller Macht versuchte zu unterdrücken und es auch in der Folgezeit tat.[25]

 Die Sabbatfeier zur Zeit der Reformation

Leider können wir in diesem Artikel nicht die Frage aufgreifen, warum die großen Reformatoren, Luther, Zwingli und Calvin nicht den Sabbat feierten. Frühe Adventisten glaubten, dass einer von Luthers Mitarbeiter, Andreas Karlstadt, den Sabbat gehalten hat. Bei einer näheren Analyse seiner Schrift, die uns erhalten ist, steht klar, dass auch er nicht am buchstäblichen, „äußeren“ Sabbat interessiert war, sondern an dem „inneren Sabbat“, d.h. der inneren Ruhe, die der Heiligung dienen sollte.

Sabbatfeiernde Christen grausam umgebracht

Aber es gab in der Wiedertäufer Bewegung zur Zeit der Reformation auch Leute, die nach dem Prinzip der Reformation „sola scriptura“ (allein die Schrift), zu der Sabbatfeier zurückfanden. Darunter gibt es zwei Reformatoren, Andreas Fischer und Oswald Glait, ehemalige Priester der katholischen Kirche, die wir als sabbatfeiernde Christen als unsere direkten Vorfahren zur Zeit der Reformation betrachten können. Sie schrieben Bücher über den Sabbat, die uns leider nicht erhalten sind. Aber wir haben Gegenschriften aus dieser Zeit, die gegen den Sabbat geschrieben wurden. Die Sabbatbücher wurden sicherlich alle, zusammen mit vielen Bekennern, auf den Scheiterhaufen verbrannt. Fischer und Glait verbreiteten die Sabbatbotschaft besonders in Böhmen, Mähren und Schlesien. Leider mussten auch sie auf grausamste Weise ihr Leben für die Treue zur biblischen Wahrheit lassen.

Andreas Fischer wurde gefangengenommen und zum Schloss Horka (Mähren) verschleppt. Dort wurde er über die Festungsmauer in den Abgrund gestürzt. Er erlitt dort seinen Tod (139/40). Oswald Glait fand seinen Tod, indem er in der Donau ertränkt wurde, nachdem er ein Jahr und sechs Wochen im Wiener Gefängnis geschmachtet hatte (1546).

Nach einigen Sektenlisten der römischen Kirche zu beurteilen, muss die Sabbatfeier doch recht ausgebreitet gewesen sein. Diese Listen stammen vom dem Ende des 16. Jahrhunderts (von 1564 – 1600). Diejenigen, die den Sabbat feierten, die sogenannten „Sabbatarier“, werden auf der einen Liste nach Lutheranern und Calvinisten an dritter Stelle genannt. Auf zwei weiteren Listen, auf der verschiedene Wiedertäufer Gruppen – Sekten genannt – verzeichnet sind, erscheinen die Sabbatarier an vierter Stelle.[26]

Die Sabbatfeier konnte nicht mehr aufgehalten werden

Einige Wiedertäufer versuchten in England in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts die Verfolgungen auf dem europäischen Kontinent zu entgehen.  Bald breitete sich die Täufer Bewegung (Baptisten) sich in England rasch aus. Auch die Sabbatfeier tauchte bald in England auf und breitete sich sehr schnell und umfassend in England im 17. Jahrhundert aus.[27] Es entfachte sich ein regelrechter Streit um den Ruhetag. Da gab es die größte Gruppe, die einen mehr freien Sonntag ohne viele Begrenzungen feiern wollte. Dagegen opponierten die sogenannten Puritaner, die einen sehr strikten Sonntag, den sie fälschlicherweise konsequent „Sabbat“ nannten, einführen wollten – auch durch strenge Gesetzgebung. Als dritte Gruppe gab es dann die Siebenten Tags Baptisten, die direkten Vorfahren der Siebenten-Tags-Adventisten in Bezug auf die Sabbatfeier, die sich für die christliche Feier des biblischen Sabbats einsetzten. Eine große Menge Literatur wurde zu diesem Thema herausgeben, die heute noch allen zugänglich ist.[28]

Ein Mitglied der Siebenten Tags Baptisten Gemeinde in London (Bell Lane Church), Stephen Mumford, wanderte nach Amerika aus und kam 1664 nach Rhode Island. Bald teilte er seine Überzeugungen mit anderen Baptisten und im Jahre 1671 wurde die erste Gemeinde der Siebenten Tags Baptisten in Newport (Rhode Island) gegründet. Von diesem bescheidenen Anfang verbreitete sich die Sabbatfeier unter den Christen in der „neuen Welt“ aus.

Adventisten fangen an, den Sabbat zu feiern

Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte Amerika eine große Erweckung: „Die zweite große Erweckung“ (The Second Great Awakening). In den dreißiger und Anfang der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts wurde diese Erweckung auch unter dem Namen „Die Erweckung des zweiten Kommens“ (The Second Coming Awakening) bekannt. Die zu dieser Bewegung gehörenden Personen wurden auch nach der Hauptperson der Bewegung, William Miller (1792 – 1849) als „Milleriten“ oder „Adventisten“ (Advent bedeutet „Ankunft“ oder „Wiederkunft“) bezeichnet. Unter den Anhängern Millers gab es auch einige Siebenten Tags Baptisten. Sie verbreiteten Sabbattraktate und legten ihr persönliches Zeugnis in Bezug auf den Sabbat ab. Unter dem Einfluss des Heiligen Geistes erkannten mehr und mehr Adventisten die Bedeutung der Sabbatfeier. Sie gaben bald selbst kleine Traktate über dieses Thema heraus, schrieben Bücher darüber und veröffentlichten viele Artikel zu diesem Thema in ihren Zeitschriften, die sie bald veröffentlichten.[29] Viele Zitate von den kleinen Traktaten der Siebenten Tags Baptisten wurden verwendet.

Trotz Widerstand gegen den Sabbat

 Das Sabbatlicht wurde unter den Adventisten und deren Mitmenschen entfacht. Niemand konnte es mehr löschen. Trotz großem Widerstand von anderen Kirchen, trotz Verfolgung und Bestrafung unter totalitären Diktaturen z. B. unter Hitlers antichristlichen und antisemitischen Regime und der Zeit des marxistisch-leninistischen Kommunismus, wuchs die Bewegung der göttlichen Sabbatfeier und schloss mit den Jahren den gesamten Erdkreis ein. Wenn wir Kinder und ungetaufte Personen mitzählen, feiern Woche für Woche etwa 75.000.000 Menschen und mehr den Tag, den Gott am Anfang der Tage gesegnet und geheiligt hat.

Leider konnten wir in diesem kurzen Artikel nur wenige Glaubenszeugen für den Sabbat erwähnen. Wir haben nichts von der Sabbatbewegung in Siebenbürgen im 16. Jahrhundert geschrieben, die einen solch großen Eindruck in deren Geschichte machte, dass sie in einer modernen Tourist Broschüre erwähnt wird.[30] Wir konnten nichts über die Sabbatbewegung in den nordischen Ländern schreiben, die in ihren Anfängen von den lutherischen Volkskirchen als „jüdische Irrlehre“ verteufelt wurde. Leider konnten wir auch nichts von den vielen Glaubenszeugen schreiben, die für den Sabbat Gottes ins Gefängnis mussten und für ihren Glauben starben.[31]

Trotz Religionsfreiheit nach nationaler oder internationaler Gesetzgebung, gibt es weltweit immer wieder Schwierigkeiten und Diskrimination, wenn es darum geht, den Sabbat zu feiern. Als ehemaliger Leiter der Abteilung für Religionsfreiheit der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Dänemark könnte ich einige Beispiele nennen, wo Schüler, Studenten und andere Fachkräfte benachteiligt werden, um den Sabbat, den Tag des Herrn, zu feiern.

Es ist mein Wunsch, dass noch viele Menschen die „Gabe der Ruhe“ empfangen möchten und die „Schönheit des Ruhetages“ erkennen.[32]

Dr. theol. Richard Müller


Abbildung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Dieser Artikel erschien im Mai 2018 in der Zeitschrift BWgung, dem Mitteilungsblatt der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Baden-Württemberg.
Weitere Arbeiten des Autors zur Sabbatfeier:
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Richard W. Müller: Adventisten-Sabbat-Reformation. Geht das Ruhetagsverständnis der Adventisten bis zur Zeit der Reformation zurück? Eine theologische Untersuchung. Lund 1979.
Eine 2. revidierte Auflag von 2014 ist wieder erhältlich.
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Richard W. Müller: Die vergessene Zeit. Ein kleines Buch über die Bedeutung des Ruhetages. Daugaard 2016.
Beide Bücher sind erhältlich beim Verfasser für 15,- Euro pro Buch inkl. Versand.
Kontakt: richard@luxlucet.dk oder +45- 23 26 79 08


Anmerkungen

[1] Der Rote Platz in Moskau hat nichts mit dem Kommunismus zu tun.

[2] Frei aus der englischen Dokumentar DVD Serie (4. DVD) „The Seventh Day“ übersetzt. Herausgeber: LLT Productions. Diese DVD Serie ist ins Deutsche übertragen „Der siebente Tag“ und kann über die „Stimme der Hoffnung“ bezogen werden.

[3] Neueste Studien haben gezeigt, dass die „Subbotniki“ an einen dreieinigen Gott geglaubt haben. Siehe dazu die Andrews University Dissertation von Oleg Zhigankow, The Issue of Antitrininarianism in the Fifteenth-Century Novogrod-Moscow Movement: Analysis and Evaluation, VDM Verlag Dr. Müller, 2009.

[4]  Siehe dazu mein Buch über den Sabbat: Richard Müller, Die vergessene Zeit. Daugaard 2016, Seite 1-175. In dem ersten Teil dieses Buches wird die biblische Grundlage für die Sabbatfeier gelegt. Die folgenden Seiten im Buch, Seite 175 – 230 beschäftigen sich mit den Beweisen aus der langen Kirchengeschichte, vom zweiten Jahrhundert bis in unsere Tage. (Das Buch ist erhältlich beim Verfasser für 15,- Euro inkl. Versand. E-Mail: richard@luxlucet.dk oder Tlf. :bzw. SMS: +45- 23 26 79 08)

[5] Siehe Fußnote 4. Kapitel VIII, S. 157 – 174.

[6] Siehe dazu die Dissertation von Gaston H. Halsberghe, The Cult of Sol Invictus, Leiden 1972.

[7] Siehe z.B.: Sammuele Bacchiocchi,  Anti-Judaism and the Origin of Sunday, Rom 1975.

[8] Willy Rordorf, Sabbat und Sonntag in der alten Kirche, Zürich 1972.

[9] Kenneth Strand, Red., The Sabbath in Scripture and History, Washington DC/Hagerstown,MD 1082.

[10] Herausgegeben in Hamburg 1912.

[11] Richard Müller, Adventisten – Sabbat – Reformation, Geht das Ruhetagsverständnis der Adventisten bis zur Zeit der Reformation zurück?, Lund 1979. 2. Revidierte Auflag von 2014 ist wieder erhältlich für 15,-Euro. Siehe Fußnote 4.

[12] Siehe: William M. Jones, A Chart of the Week: Showing the Unchanged Order of the Days and the true Position of the Sabbath, as proved by this combined testimony of Ancient and Modern Languages. Diese Übersichtskarte oder Liste der Sprachen und Namen der Woche ist immer noch erhältlich von LLT Productions, Box205, Angwin, CA94508, USA. Oder Online: www.lltproductions.com/

[13] Ich habe Banner mit der Aufschrift ”Death over Israel” (Tod über Israel) auf meiner Reise durch Iran im Herbst 2016 des Öfteren fotografiert.

[14] Dies gilt übrigens auch, wenn es um den ersten Tag der Woche geht, den man „Herrentag“ nennt.

[15] Adversus haeresis, iV, Zitiert nach: Rordorf, S. 47,49.

[16] Apostolische Konstitution, Buch 2, LIX. Zitiert nach: Rordorf, S. 101.

[17] Apostolische Konstitution, Buch 2, XXXVI. Zitiert nach: Frank Yost, History of the Sabbath and the Sunday (Course Outline, 1945), S. 15.

[18] Apostolische Konstitution, Buch 7, XXIII, Zitiert nach: Rordorf, S. 101.

[19] Apostolische Konstitution, Buch 8, LXIV. Zitiert nach; Rordorf, S. 101.

[20] Konzil von Laodizea, Kanon 29. Zitiert nach: Rordorf, S. 89.

[21] Siehe: Sokrates, Kirchengeschichte, Buch 5, XXII. Zitiert nach: Rordorf, S. 125.

Siehe: Sozomen, Kirchengeschichte, Buch 7, IXX. Zitiert nach: Rordorf, S. 152.

[22] Siehe: Conradi, S. 567-468.

[23] Siehe Original Quellenangabe in: Richard Müller, Waldensian Heritage: Lux Lucet in Tenebris, Børge Schantz, Reindar Bruinsma (Red.), Exploring the Frontiers of Faith, Lüneburg 2009, S. 133.

[24] Siehe: Richard Müller, Die vergessene Zeit, S. 199 – 201. Siehe auch mein Kapitel über die Waldenser: „The Waldensian Heritage“, S. 121 – 138.

[25] Siehe Originalquellen bei Werner K. Vymeister, ”The Sabbath in Egypt and Ethiopia”, Kenneth Strand, Red., S. 169 – 189. Siehe auch: Ernst Hammerschmidt, Stellung und Bedeutung des Sabbats in Äthiopien, Stuttgart 1963.

[26] Gerhard Hasel, “Sabbatarian Anabaptists of the Sixteenth Century”. Andrews University Seminary Studies, Band V, Nr. 2, 1967, S. 101 – 103.

[27] Siehe: Bryan Ball, The Seventh-day Men: Sabbatarians and Sabbatarianism in England and Wales, 1600-1800, Oxford und New York, 1994.

[28] Siehe dazu: Richard Müller, Adventisten – Sabbat – Reformation.  Siehe besonders den zweiten Teil meiner Abhandlung: Das Sabbatverständnis der Siebenten Tags Baptisten in England im 17. Jahrhundert, S. 143 – 188.

[29] Siehe dazu: Richard Müller, Adventisten – Sabbat – Reformation. Siehe besonders den dritten Teil seiner Abhandlung: Das Sabbatverständnis der Siebenten-Tags-Adventisten, S. 189 – 245.

[30] Birgitta Gabriela Hannover Moser, Siebenbürger Reiseführer – Rund um Kronstadt, Schässburg und Hermannstadt, Berlin 2015, S. 436 – 47.

[31] Siehe z.B. das Buch von Erich Th. Laufersweiler, Im Schatten seiner Hand. Erlebnisse eines jungen Christen in der Armee der CSSR, Heidelberg 2012. Siehe besonders die Seiten 165 – 188, in denen viele Namen erwähnt werden, die für ihren Glauben große Leiden ertragen mussten.

[32] Siehe dazu: Joe Liebermann, The Gift of Rest – Rediscovering the Beauty of the Day of Rest, New York, 2011.

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