Auslegung Kol 2,16-17

Auslegung zu Kolosser 2,16-17

Dieser Text wird leider immer noch herangezogen, um zu beweisen, dass das Gesetz ans Kreuz genagelt worden sei und deshalb der Tag, den Gott einmal gesegnet und geheiligt hat, nicht mehr gehalten werden müsse. Während das Wort „Sabbat“ im Römerbrief nicht vorkommt, erscheint dieser Begriff im Kolosserbrief:

„So lasst euch nun von niemandem ein schlechtes Gewissen machen wegen Speise und Trank oder wegen eines bestimmten Feiertages, Neumondes oder Sabbats. Das alles ist nur ein Schatten des Zukünftigen; leibhaftig aber ist es in Christus.“

Bei einer Konfrontation mit schwierigen Texten der Bibel ist es angebracht, sich an ganz einfache, aber grundlegende Regeln für die Auslegung der Heiligen Schrift zu erinnern.

Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift beanspruchen ihre Verfasser, von Gottes Geist inspiriert worden zu sein, und niederzuschreiben, was sie von Gott erhalten haben, um es weiterzugeben.

Wenn Gott in irgendeiner Weise hinter der Abfassung der Bibel steht, darf auch damit gerechnet werden, dass eine Harmonie im Raum des Offenbarungsgutes der Bibel besteht. Gott hat den Sabbat seit der Schöpfung ausgesondert, gesegnet und als Zeichen der Schöpfung, der Erlösung und des neuen Herzens gesetzt und sogar in den Zehn Geboten verankert. Deshalb kann dieser Tag nicht mit einem einzigen Text aufgehoben und als abgeschafft erklärt werden.

Zudem ist die Bibel von ihrem Zentrum her, von ihrem Brennpunkt Jesus Christus her, auszulegen. Der Tempeldienst mit seinen Opfern und Zeremonien hat seine Erfüllung in Gott gefunden, der Mensch wurde, in Jesus Christus selbst: Er ist das wahre Opferlamm, wie die Bibel bezeugt. Mit ihm hat Gott alles geschenkt, was uns wieder mit Gott vereinigt, jetzt und in alle Ewigkeit. Keine zeremoniellen Tage, keine Pilgerreisen, keine menschlichen Werke, keine Traditionen können Christus ersetzen.

Als nächster Schritt ist obiger Text im Zusammenhang auszulegen und der gesamte Kolosserbrief zu betrachten. Welchen Zweck verfolgte Paulus mit diesem Brief? Was war seine Absicht? Dann sollte der unmittelbare Text-Zusammenhang angesehen werden.

Gibt es Parallelen zu dieser Textaussage, die uns weiterhelfen, wie z.B. Römer 14, 5-6.17 und Galater 4,8-11? Sodann kommt es auf das Satz-Verständnis an, um den Sinn der Aussage recht zu verstehen.

Und schließlich ist der Sinn einzelner Worte zu betrachten, die Paulus in diesem Satz verwendet. Natürlich kann in diesem kleinen Buch nicht jeder Punkt in Einzelheiten betrachtet werden. Es sollen jedoch einige wesentliche Zusammenhänge gestreift werden, um den Text in Übereinstimmung mit der Absicht der ganzen Bibel, des ganzen Briefes und des unmittelbaren Zusammenhanges zu deuten.

Der Brief des Paulus an die Kolosser ist einer seiner „Gefängnisbriefe“ (Kolosser 4,18). In diese Kategorie fällt auch der Epheserbrief (Epheser 6,20), der Philipperbrief (Philipper 1,13) und der Brief an Philemon (Philemon 1,9). Diese Briefe wurden geschrieben, als Paulus zwei Jahre (61 – 63 n.Chr.) im Gefängnis – eigentlich im Hausarrest – in Rom einsaß.

Der Brief an die Kolosser ist folgendermaßen aufgebaut: Nach kurzer Einleitung, spricht Paulus im ersten Kapitel und im ersten Teil des zweiten Kapitels über den Vorrang Jesu und seines göttlichen Werkes.

Unter diesem Gesichtspunkt beschäftigt Paulus sich in Kapitel zwei mit der besonderen Herausforderung, die in der Gemeinde vorhanden war. Im dritten Kapitel wird das Leben der Christen betrachtet, die die Liebe Christi „angezogen“ haben und danach leben sollen.

Das Kapitel schließt mit einer „christlichen Hausordnung“, die den Wandel der christlichen Familie im Alltagsleben beschreibt. Der Brief endet im vierten Kapitel mit einer Aufforderung zur Fürbitte, verbunden mit einigen Grüßen.

Die Absicht des Briefes bestand darin, einige Irrtümer zu bekämpfen, die sich in die Gemeinde eingeschlichen hatten. Diese Irrlehren stammten sowohl aus dem Judentum wie auch aus dem Heidentum. Deshalb warnt der Brief: „Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus.“ (Kolosser 2,8)

„Lasst euch den Siegespreis von niemandem nehmen, der sich gefällt in falscher Demut und Verehrung der Engel und sich dessen rühmt, was er geschaut hat, und ist ohne Grund aufgeblasen in seinem fleischlichen Sinn.“ (Kolosser 2,18)

„Wenn ihr nun mit Christus den Mächten der Welt gestorben seid, was lasst ihr euch dann Satzungen auferlegen, als lebtet ihr noch in der Welt:  Du sollst das nicht anfassen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren?  Das alles soll doch verbraucht und verzehrt werden. Es sind Gebote und Lehren von Menschen, die zwar einen Schein von Weisheit haben durch selbst erwählte Frömmigkeit und Demut und dadurch, dass sie den Leib nicht schonen; sie sind aber nichts wert und befriedigen nur das Fleisch.“ (Kolosser 2,20-23)

Um diese Irrtümer zu bekämpfen, setzt sich Paulus eifrig ein, Jesus Christus zu erhöhen, der uns „errettet hat von der Macht der Finsternis“(…), „in dem wir die Erlösung haben, nämlich die Vergebung der Sünden“. (1, 13-14) „Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes.“ (1,15) „Es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm. Und er ist das Haupt des Leibes, nämlich der Gemeinde.“ (1, 16-18) Christus ist wahrer Gott. Durch ihn können wir das wahre Angesicht Gottes schauen. Christus versöhnte die Welt mit Gott, sodass alle, die sich retten lassen wollen, auch errettet werden. Diese Erlösung gründet sich allein auf Gottes Gnade und dem Verdienst Christi und ist nicht abhängig von Beschneidung, Opfermahlzeiten, Opfergetränken, heiligen Tagen oder zeremoniellen Sabbaten.

Alles das ist nur ein auf Christus hinweisender Schatten, dessen Wirklichkeit die Erlösung in Christus ist. Abschließend soll die Bedeutung einzelner Worte betrachtet werden, die oft missverstanden werden.

„Schuldbrief“ (2,14): Dieses Wort ist eine gute Übersetzung des griechischen Wortes, das eigentlich „Handschrift“ bedeutet (siehe auch die ältere Luther Ausgabe). Aber es war in der Tat eine „Schuldschrift“, also eine Aufzeichnung unserer Sünden in Form einer handgeschriebenen Liste unserer Übertretungen. Sie wurde ans Kreuz genagelt, nicht jedoch das Gesetz. Das Wort „Gesetz“ kommt im ganzen Brief gar nicht vor. Es ist also völlig abwegig, wenn Leute behaupten, das Gesetz sei ans Kreuz genagelt worden. Sollte mit „Gesetz“ das Moralgesetz gemeint sein, würde ja alles im Chaos enden. Auch das Zeremonialgesetz, also alle Opferbestimmungen und vieles mehr, wurden nicht ans Kreuz genagelt, sondern fanden in Christus ihre Erfüllung. Das ganze Opfergesetz mit all seinen Bestimmungen wies auf das wahre Opfer hin, das Gott selbst in Jesus Christus darbrachte, um uns zu erlösen. Durch dieses Opfer finden wir Vergebung für unsere Übertretungen und Sünden. Die lange Schuldschrift kann zerrissen werden. Es gibt einen, nämlich Christus, der den Preis bezahlt hat.

Aber dies ist ja etwas ganz anderes als zu behaupten, die Zehn Gebote seien ans Kreuz genagelt worden und damit aufgehoben.

„Sabbate“ (2,16): Was bedeutet diese Mehrzahl-Form? Sind damit die wöchentlichen Sabbate gemeint, nämlich die wöchentliche Wiederkehr des Sabbats der Zehn Gebote? Oder handelt es sich um die zeremoniellen Feste und jährlichen Feiertage, die auch Sabbate genannt wurden? Oft fielen diese letztgenannten Feste auch auf einen Sabbat, da ihr Ausgangspunkt ein bestimmtes Datum im religiösen Kalender war. Z.B. wurde Passah (Ostern) immer am 14. Tag des ersten Monats im jüdisch-religiösen Kalender gefeiert, der im Frühjahr begann und unserem Monat März/April entsprach. Diese „Sabbate“ standen mit dem jüdischen Opfergesetz in Verbindung. Sie fanden jedoch ihre Erfüllung in Christus, wie der obige Text auch eigentlich direkt sagt und gleich zu erkennen sein wird.

Zu beachten ist, dass der Begriff „Sabbate“in direkter Verbindung mit anderen zeremoniellen Bezeichnungen, wie „Feste“ und „Neumonde“ steht. Dies ist der unmittelbare Zusammenhang. Wenn Paulus den wöchentlichen Sabbat gemeint hätte, den Christus selbst als Mitschöpfer am Anfang eingesetzt hat, wie Paulus selber im ersten Kapitel seines Briefes an die Kolosser sagt:

„In ihm ist alles geschaffen“, (1,16), also auch der siebente Tag der Woche, dann wäre obige Aussage, der Sabbat sei ans Kreuz genagelt und abgeschafft worden, völlig unverständlich und paradox: paradox auch deswegen, weil der Sabbat mitten in den Zehn Geboten tief verankert ist. Auf diese Gebote weist Paulus im dritten Kapitel gleichen Briefes hin. Er fordert die Glieder der Gemeinde zu Kolossä auf, sich folgenden Fehlverhaltens zu enthalten: „Abgötterei“ (1. und 2. Gebot); „Lästerung“ (3. Gebot); „Unzucht“ (7. Gebot); „Lügen“ (9. Gebot) und andere Gebote mehr.

Die Abschaffung des wöchentlichen Sabbats würde einen Aufruhr unter den meisten Christen, die Juden waren, hervorgerufen haben. Paulus hätte sich nicht mit einem einzigen Vers begnügen können, wäre es seine Absicht gewesen, den wöchentlichen Sabbat abzuschaffen. Natürlich war dies nicht seine Absicht, ebenso wenig wie die des Briefes, wie weiter oben hervorgehoben wurde.

„Schatten“ (2,17): Dieses Wort ist vielleicht das wichtigste, das helfen kann, die oben angeführten Verse (2,16-17) richtig auszulegen. Dieser Begriff taucht auch im Hebräerbrief auf, wo Israels Heiligtum eine „Nachahmung“, ein „Vorbild“, ein „Schatten“ des himmlischen Heiligtums genannt wird. (Siehe: Hebräer 8, 5.10).

In beiden Fällen steht das Wort in Verbindung mit Zeremonien, die etwas mit dem Tabernakel oder dem Tempeldienst zu tun haben. „Schatten“ wird hier im Gegensatz zu „Körper“ (alte Luther Übersetzung), also der Wirklichkeit gebraucht, die Jesus Christus selbst ist. Paulus sagt, „Essen“ und „Trinken“, „Festtage“, „Neumonde“ oder „Sabbate“ waren nur Schatten des Zukünftigen, die mit Christus leibhaftig verwirklicht wurden. Der wöchentliche Sabbat ist „Schatten“ für nichts, also kein Schatten – er ist die wöchentliche Realität und Wirklichkeit. Damit sagt dieser Text auch nichts über die Aufhebung des wöchentlichen Sabbats aus. Es gibt im ganzen Neuen Testament keinen einzigen Text, der von einer Abschaffung des Sabbats spricht oder von einer Einführung der Sonntagsfeier.

Autor: Dr. theol. Richard Müller (http://www.luxlucet.dk/). Infos über Dr. Müller finden Sie hier.


Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert