Diverse Fragen

Weihnachten, Ostern, Kirchenjahr, Tag des Herrn, Apg. 15, Röm. 7?

Im Februar 2024 erhielten wir per Mail eine Zuschrift mit einigen Fragen, die eine Leserin an Dr. Richard Müller stellte. Dr. Müller hat daraufhin eine sehr ausführliche Antwort erstellt, die wir hier, zusammen mit dem Text der Mail, der um persönliche Daten bereinigt wurde, wiedergeben wollen.

Sehr geehrter Herr Dr. Müller, […]

Sie hatten schön dargestellt, dass die ersten Christen der Ostkirche zunächst sowohl den Sabbat, als gesetzlichen Ruhetag, als auch den Sonntag, als Feiertag der Auferstehung Christi, als Tag des Herrn hielten und dass es erst später aus unterschiedlichen Gründen zur Verdrängung des Sabbats und zur Dominanz des Sonntags kam.
Meine Frage ist nun: warum feiern die Adventisten denn nur den Sabbat? Was ist mit dem Tag des Herrn, was ist mit der Auferstehung Christi, dem zentralen Element des Christentums? Warum wird bei den Adventisten weder Weihnachten noch Ostern gefeiert, warum hat das Kirchenjahr keine Bedeutung?
Bei der Apostelversammlung wurde festgehalten, dass Heidenchristen sich vom Götzenopfer, vom Blut, vom Erstickten und von Unzucht enthalten sollten (Apg 15, 28f). Zudem betont Paulus immer wieder, dass wir nicht mehr unter dem Gesetz sind (Rö 7) und er hatte sich ja sogar mit Petrus darüber gestritten, dass jener den Heiden jüdische Gesetze auferlegte. Wäre es dann nicht richtiger, den Sabbat als Ruhetag zu halten und den Sonntag als Feiertag der Auferstehung?
Ich freue mich sehr auf Ihre Antwort, […].

Nun die Antwort von Richard Müller:

Sehr geehrte …

Vielen Dank für ihre Fragen zum Sabbat.
Bevor ich versuche, die Fragen zu beantworten, möchte ein paar Gedanken als Einleitung zum Ausdruck bringen. Als Adventisten verstehen wir uns als eine protestantische Freikirche, die ihre Wurzeln in der Reformation sieht und darüber hinaus in den Reformationsbewegungen des Mittelalters und der frühen Christenheit. Wir halten stark an dem protestantischen Schriftprinzip „sola scriptura“ fest und haben wohl noch ein radikaleres Verständnis diesbezüglich als die großen Reformatoren Luther, Calvin und Zwingli, vor allem wenn es auch um die Frage der Taufe und des Abendmahls und anderen Fragen geht. In diesen Fragen fühlen wir eine Verwandtschaft z.B. mit der Täuferbewegung (Wiedertäufer Bewegung) der Reformationszeit. Dieses Schriftprinzip hat sich dann auch in der Feier des Sabbats niedergeschlagen, der der einzige Tag der Woche ist, der in der Bibel herausgehoben wird und als heilig erklärt wird.
Die zweite Vorbemerkung gilt unserem Verständnis der Religionsfreiheit. Wir haben nichts dagegen, wenn andre Mitchristen am Sonntag in die Kirche gehen, um das Wort Gottes hören. Auch nicht, wenn es am Montag, Mittwoch oder, wie es bei den Muslimen, am Freitag geschieht. Wir möchten nur nicht, dass das längste Gebot in den Zehn Geboten beiseitegesetzt wird und durch den Sonntag, ohne Schriftbeleg, ersetzt wird. Wer sind wir Menschen, die so mit den Geboten Gottes umgehen können?

1. Warum halten Adventisten nicht Weihnachten und Ostern heilig oder folgen dem Kirchenjahr?

Viele Adventisten feiern Weihnachten und Ostern und Pfingsten als Festtage, aber nicht als offizielle heilige Tage. Viele Gemeinden haben besondere Gottesdienst z.B. zu Weihnachten, sie haben sogar einen Weihnachtsbaum in der Kirche. Unsere Mitglieder und Gemeinden sind nicht von oben gesteuert. Jeder hat seine Freiheit, wie er das Jahr und sein Leben gestalten möchte. Dies gilt auch für die lokalen Gemeinden, die recht unabhängig sind und verschiedene Veranstaltungen haben.

Wenn man es nicht offiziell anordnet, so hat man dazu natürlich einige Gründe. Jesu Geburtstag und sogar Monat ist nicht in der Bibel angegeben. Wie können wir als Freikirche dann ein offizielles Datum geben? Und welches Datum hätten wir wählen sollen?

Der 21. Dezember – der tiefste Punkt der Dunkelheit, die Tage werden wieder länger. Der 25. Dezember – dies soli invicti nati (die Geburt der unbesiegbaren Sonne), Also der römisch-heidnische Feiertag, der nach der kirchlichen Tradition christianisiert wurde – ohne Schriftbeleg. Auch wenn ein guter Gedanke dahintersteht – nämlich, dass Christus, das wahre Licht und die wahre Sonne, zu uns Menschen kam.

6. Januar – Das orthodoxe Weihnachtsfest, 7. Januar – Das koptische Weihnachtsfest. Viele Adventisten feiern Geburtstage und andere Tage des Jahres, und weil viele Menschen durch die Kultur und die Gesellschaft auf die verschiedenen Begebenheiten eingestellt werden, kann der einzelne Christ oder die Gemeinde auch diese Situation ausnutzen, um das entsprechende Evangelium zu verkündigen, ohne dass man daraus etwas offizielles für die ganze Welt anordnet. Wir singen also keine Weihnachtslieder zu Ostern.

Das gleiche gilt für Ostern und Pfingsten, dass ja nach der Bibel 50 Tage nach Ostern fällt. Auch hier ist es nicht leicht, ein Datum festzusetzen. Wie oben schon erwähnt, fällt das biblisch belegte Passah Fest nicht auf einen bestimmten Wochentag, sondern einem bestimmten Datum im Jahr.

Die kirchliche Tradition, besonders in der westlichen Hälfte des Römer Reiches, wollte sich durch die antijüdischen Tendenzen in der römischen Gesellschaft und auch in der Kirche, absetzen und wählte, dass das Osterfest immer auf den gleichen Tag fällt, nämlich den ersten Tag der Woche. Man legte sich später auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond, nach dem Frühjahrs-Equinox (Frühlingstagundnachtgleiche), dem 20./21. März, wo das Datum von Jahr zu Jahr wechselt, aber der Tag konstant bleibt.

Das verursachte einen gewaltigen Streit im zweiten Jahrhundert – Ost gegen West – wie ich oben schon erwähnte. Doch in Verbindung mit dem ersten Kirchenkonzil 325 n. Chr. einigte man sich auf die westliche Art der Kalkulation. So ging es weiter bis zur Kirchenspaltung zwischen Ost und West im Jahr 1054 n. Chr.

Ausgangspunkt war der sogenannte Julianische Kalender. Diesen folgten die Kirche in Ost und West bis zum Jahr 1582, wo Papst Gregor XIII eine Kalenderänderung vornahm, um das Jahr mit der Saison des Jahres wieder zu harmonisieren. Zehn Tage wurden aus der Kalenderzählung gestrichen, der 5.-14. Oktober. Da die Ostkirchen den Papst nicht als ihr Oberhaupt anerkannten, hielten sie am Julianischen Kalender fest, während man nach und nach in der westlichen Welt, den sogenannten Julianischen-Gregorianischen Kalender einführte. Dieses geschah in den verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeitpunkten.

Es ist also schwierig, von offizieller Seite, einen eindeutigen Zeitpunkt für Ostern festzusetzen. Aber das Wichtigste ist ja, nicht Ostern an einem bestimmten Tag im Jahr zu feiern, sondern Tag für Tag und Woche für Woche sich über Jesu unbeschreibliche Erlösungstat zu freuen, ihm für diese Gnade zu danken und an dieser Gnade Gottes festzuhalten.

2. Frage: Warum feiern die Adventisten nur den Sabbat und nicht auch den „Tag des Herrn“?

Wenn wir ein biblisches Mandat dazu hätten, würden wir es auch tun. Der Ausdruck „Tag des Herrn“ kommt im Neuen Testament nur einmal vor, nämlich im Buch der Offenbarung, Kap. 1, Vers 10. Hier wird er nicht als Tag der Auferstehung genannt, nicht als Versammlungstag, sondern lediglich als Tag, an dem Johannes eine Vision bekam. Dieser Begriff als eine Bezeichnung für den Sonntag oder den Tag der Auferstehung, finden wir nicht in der Urgemeinde. Erst viel später hat man diese Verbindung gemacht.

Der Sonntag wurde als Ruhetag von Kaiser Konstantin der Gr. 321, als Tag der ehrwürdigen Sonne eingeführt. Er war zu dieser Zeit noch kein Christ. Er wurde erst kurz vor seinem Tod (337) getauft. Der Sonntag ist nach der christlichen Tradition nach und nach eingeführt worden und durch kirchliche und staatliche Gesetzgebung befestigt worden.[1] In einer separaten Mail schicke ich ihnen das Inhaltsverzeichnis. Dort können sie entnehmen, wie ich das Thema behandle und vor allem welche Texte ich aus dem NT kommentiere. Auch z.B. den Text aus Offb 1,10 (Tag des Herrn).

Leider hat die kirchliche Tradition, besonders die von Rom ausging, aber auch die östlichen Kirchen, viele Irrlehren in die Kirche eingeführt. Deshalb war die Reformation notwendig. Leider wurde die Reformation nicht zu Ende geführt. Deshalb gab es immer wieder Bewegungen, die das Christentum wieder zur Schrift (Bibel) zurückführen wollte und will.[2]

Die Waldenser waren eine mittelalterliche Reformationsbewegung vor der Reformation, die die Kirche von Rom sehr stark kritisierte und reformieren wollte. Deshalb wurden sie sehr intensiv verfolgt. Man versuchte sie auszurotten. Sie überlebten und ein kleiner Rest lebt heute noch in einigen italienischen Alpentäler mit Ausgangspunkt von Torre Pelice. Im dritten Kapitel des Buches „Waldenser – Märtyrer des Glaubens“[3] liste und bespreche ich über 20 Irrlehren, die durch die kirchliche Tradition in die Kirche eingeführt wurden und von den Waldensern reformiert werden sollten.

Zurück zur Frage nach dem „Herrentag“, der in dem Jahr, in dem Jesus starb, auf einen Sonntag viel. Hier muss man beachten, dass Ostern oder besser das Passah Fest, nicht auf einen bestimmten Wochentag viel, sondern auf ein bestimmtes Datum im Jahr, nämlich den 14. Nisan, d.h. den 14. Tag des ersten Monats des jüdisch religiösen Kalenders. Wie unsere Geburtstage, also Wochentage, sich von Jahr zu Jahr verändern, so auch das Passah Fest im AT. Wenn Jesus also ein Jahr später oder früher gestorben wäre, würde der Auferstehungstag nicht auf einen „Sonnentag“ fallen, sondern an einem Montag oder einen Samstag, was ja Sabbat bedeutet. Nun glaube ich nicht, dass es zufällig war, dass Jesus am Freitag gekreuzigt wurde, am Sabbat im Grabe ruhte und am ersten Tag der Woche, früh morgens, auferstanden ist. Hier wiederholt sich die Schöpfungswoche. In sechs Tagen, so lesen wir am Anfang der Bibel, schuf Gott Himmel und Erde und ruhte am siebenten Tag. Derselbe dreieinige Gott, der am Anfang die Welt schuf, hat für uns alles getan, was für unsere Erlösung notwendig war. Die letzte Woche, die Leidens- oder Passionswoche, endete mit Christi Tod am Kreuz, dann konnte er den Sabbat über im Grab ruhen, wie Gott am Anfang geruht hatte, nach sechs Tagen Arbeit, um dann am ersten Tag der Woche aufzuerstehen. Wenn wir die letzten Begebenheiten von Jesu Leben in den Evangelien lesen, ist der Sabbat der Umdrehpunkt in den Berichten.[4]

Frage 3: Verlangt die erste Zusammenkunft der Apostelgemeinde, die in der Apostelgeschichte 15 erwähnt wird, dass wir uns nur von Götzenopfer, Blut, Erstickten und Unzucht fernhalten sollen?

Es ist richtig, dass hier nichts vom Sabbat erwähnt wird. Aber das war auch nicht das Thema der Zusammenkunft. Die Frage des Sabbats war kein Streitpunkt. Man kann daraus nicht ableiten, dass die Apostel damit meinten, die übrigen Gebote hätten keine Bedeutung mehr für die ersten Christen.[5]

Frage 4: Sind die Christen nach Römer 7, nicht mehr unter dem Gesetz?

Aber im Römerbrief gibt es auch positive Aussagen zu den Zehn Geboten. Außerdem hat Paulus mehr Briefe geschrieben. Er weist oft auf die Zehn Gebote zurück.[6] Außerdem haben wir ja sogar in Röm 7,12 eine einmalige Aussage zum Gesetz: „So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.“ Treffender hätte es niemand sagen können.
Das bedeutet ja nicht, dass wir uns die Gerechtigkeit und das ewige Leben durch das Halten der Gebote verdienen können. Die Adventisten halten sehr stark an dem protestantischen Erbe fest, „sola fidei“, „sola gratia“, „solo Christo“. Die Erlösung erhalten wir einzig und allein aus Gnade, die wir mit Dankbarkeit im Glauben, d.h. Vertrauen, entgegennehmen.

Frage 5: Gibt es einen Konflikt zwischen Petrus und Paulus.

Nicht in Beziehung auf die Gültigkeit der Zehn Gebote. Wir müssen wischen dem Moralgesetz (10 Gebote) und dem Zeremonial-Gesetz unterscheiden.[7]

Frage 6: Wäre es nicht richtiger den Sabbat als Ruhetag zu halten und den Sonntag als Tag der Auferstehung zu feiern?

Ich glaube, dass ich diese Frage oben schon beantwortet habe. Jeden Sabbat, den die Adventisten feiern, gedenken sie den Tod und die Auferstehung Christi. Dieser Tag ist in der Bibel und besonders in den Zehn Geboten verankert, der Sonntag ist es nicht, deshalb halten wir uns zum Sabbat, zu Ehren des dreieinigen Gottes, der sich uns offenbart hat, in der Schöpfung, in der Heiligen Schrift und extraordinär in Jesus Christus.[8]

Mit freundlichem Gruß und Gottes Segen
Richard Müller


[1] Siehe Richard Müller, Die vergessene Zeit. Ein kleines Buch über die große Bedeutung des Ruhetages, Daugaard 2018 (Lux Lucet Publishing, 2. rev. Auflage).

[2] Siehe auch: Richard Müller, Waldenser – Märtyrer des Glaubens, Daugaard 2021 (Lux Lucet Publishing).

[3] Müller, Waldenser – Märtyrer des Glaubens, S. 31-48.

[4] Siehe Richard Müller, Die vergessene Zeit, Daugaard 2018, S. 115 -117.

[5] Siehe dazu: Müller, Vergessene Zeit, S. 126 – 133, wo alle Texte aufgeführt werden, die in der Apostelgeschichte den Sabbat erwähnen.

[6] Vergessene Zeit, S. 122 – 126. Hier werden über 20 Texte des Paulus zitiert, was er über die Gebote oder das Gesetz schreibt.

[7] Siehe Müller, Vergessene Zeit.

[8] Siehe Müller, Vergessene Zeit.


Autor: Dr. theol. Richard Müller (http://www.luxlucet.dk/). Infos über Dr. Müller finden Sie hier.

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