Insel der Stille

Der jüdische Rabbiner Abraham Josua Heschel liefert mit seinem Buch „The Shabbath. Its Meaning for Modern Man“ ein leidenschaftliches Pladoyer für diesen von Gott eingesetzten Ruhetag. Hier ein kleiner Auszug aus dem Kapitel „Über die Zivilation hinaus“:

„Ein Tag der Woche, ausgesondert für die Freiheit, ein Tag, an dem wir die Werkzeuge, die so leicht zu Waffen der Vernichtung geworden sind, nicht benutzen; ein Tag, an dem wir für uns selbst da sind; ein Tag ohne die banalen Alltäglichkeiten; ein Tag, an dem wir nicht mehr die Götzen der technischen Zivilisation anbeten, an dem wir kein Geld benutzen; ein Waffenstillstand im wirtschaftlichen Kampf mit unseren Mitmenschen und mit den Kräften der Natur. gibt es irgendeine Einrichtung, die größere Hoffnung für den Fortschritt der Menschheit bereithält als der Sabbat? …

Der siebte Tag ist der Waffenstillstand im grausamen Existenzkampf des Menschen, ein Waffenstillstand in allen persönlichen und sozialen Konflikten. Friede zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Natur, Friede im Menschen; ein Tag, an dem der Umgang mit Geld als Entweihung gilt, an dem der Mensch seine Unabhängigkeit bestätigt von dem, was der oberste Götze der Welt ist. Der siebte Tag ist der Exodus aus Spannung, die Befreiung des Menschen aus seiner eigenen Verwirrung, die Einsetzung des Menschen zum Herrscher der Welt der Zeit.

In dem stürmischen Meer der Zeit und der Mühsal gibt es Inseln der Stille, wo der Mensch in einen Hafen einlaufen und seine Würde wiederfinden kann. Die Insel ist der siebte Tag, der Sabbat, ein Tag der Abwendung von den Dingen, Werkzeugen und alltäglichen Angelegenheiten und der Hinwendung zum Geist.“

aus: Abraham Joshua Heschel, „Der Schabbat – Seine Bedeutung für den heutigen Menschen“, S. 25-26, Jüdische Verlagsanstalt Berlin, 2001

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